Friedrich Dürrenmatt
Friedrich Dürrenmatt, Foto: Kurt Strumpf, AP, Photo Keystone

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Am Finanznabel der Welt /

Friedrich Dürrenmatt letzter Roman „Durcheinandertal“ /

Der Bankraub, meinte Bertolt Brecht, ist eine Initiative von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank. Die neuesten Berichte über eine Schweizer Großbank, die mit Folterknechten, Erzverbrechern, Ausbeutern, Waffenschiebern und Potentaten aus Ost und West gute Geschäfte gemacht haben soll, scheinen dieses Bonmot zu bestätigen. Die Informationen, die vor Kurzem durch einen Whistleblower an die Öffentlichkeit gelangten, sind nicht wirklich überraschend, in ihrer Deutlichkeit aber doch schockierend. Auf jeden Fall sind sie ein guter Anlass, sich mal wieder mit einem berühmten Schweizer Schriftsteller zu beschäftigen.

Als Vakzin gegen eine sich momentan überschlagende Selbstvergessenheit könnte Friedrich Dürrenmatt dienen. Seine tragischen Komödien von der Käuflichkeit des Menschen, der korrumpierenden Wirkung des Wohlstands („Der Besuch der alten Dame“, 1956) und der Bedrohung der Menschheit durch die Zivilisation („Die Physiker“, 1962) sind so aktuell wie bei ihrem Erscheinen. Seit der Neuverfilmung mit Jack Nicholson in der Hauptrolle ist vielleicht auch „Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman“ (1958) wieder ein Begriff. Wer wissen will, wie Dürrenmatt die Welt kurz vor seinem Tod sah, sollte zu dem Roman „Durcheinandertal“ (1989) greifen. Als er erschien, meinten viele Kritikerinnen und Kritiker das sei nun doch etwas übertrieben, ja vielleicht sogar albern. Diese Einschätzung dürfte sich in den letzten dreißig Jahren grundlegend geändert haben.

Dürrenmatt und das Chaos als Methode

Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) ist im Alter nicht milde geworden. Für ihn war die moderne Welt bis zum Schluss so krass und hoffnungslos, dass er ihr nur mit der Groteske beikommen konnte. Was die Menschheit treibe, sei mit dem Konzept der Tragik nicht mehr zu fassen, denn schließlich gehörten dazu so edle Ideen wie Schuld, Not, Maß, Übersicht und Verantwortung. Doch wenn Schuld und Verantwortung so verwischt und abgeschoben werden wie im zwanzigsten Jahrhundert, bleibe als einziger darstellerischer Ausweg, sich darüber lustig zu machen. Das leuchtet ein. Warum sollte man die kleinen und großen Diktatoren ins Dämonische aufwerten oder Milliardäre, die im All spazieren fliegen, ernst nehmen? Das wäre zu viel der Ehre für etwas, das bei genauerem Hinsehen nur banal und skrupellos ist.

Dürrenmatts Methode ist das Chaos. Aber es ist ein Chaos, in dem die Welt, wie sie ist, sichtbar wird. Extreme Tragik schlägt bei ihm vom Traurigen und Schockierenden ins Witzige, Absurde und Komische um. Dieser Extremismus widerspricht sowohl der aristotelischen Tragödie als auch dem epischen Theater Brechts und zeigt, dass Dürrenmatt eine ganz eigene Strategie entwickelt hat, um gesellschaftliche und politische Zustände darzustellen. Anders als Brecht, der unmittelbar den Aufbruch in die Moderne miterlebte, befindet sich Dürrenmatt am Übergang von der Moderne zur Postmoderne. Die Möglichkeiten der Atombombe, der Kalte Krieg und die Veränderung der Gesellschaft über die Nachkriegszeit hin zur globalisierten Wohlstands- und Erlebnisgesellschaft kennzeichnen sein Werk. Und die immer wiederkehrende Frage, wer oder was an diesem elenden Schlamassel eigentlich schuld ist.

Die Schweiz: Kurort für Millionen

Auch in seinen Romanen sind diese dramaturgischen Überlegungen gut zu erkennen. Für sein satirisches „Durcheinandertal“ verzerrt Dürrenmatt die westlich-protestantische Welt noch einmal zu einer Geschichte, die genauso grell und maßlos unlogisch ist, wie die Gesellschaft, die ihr als Vorbild dient.

In seiner Romanwelt gibt es zwei Götter: den Großen Alten mit und den Großen Alten ohne Bart. Da man aber nie so genau weiß, wer gerade die Strippen zieht und ob diese Götter am Ende nur eine Projektion des Propheten Moses Melker gewesen sind, ist es nicht weiter wichtig, sie zu unterscheiden. Es sieht so aus, als habe der diabolische Alte ohne Bart etwas mit einem amerikanischen Syndikat zu tun, dass von den Gestaltwandlern Raphael, Raphael und Raphael, die sich auch immer mal wieder als Orakel in die Handlung einmischen, vertreten wird.

Die drei Herren betreiben in Zürich hauptberuflich ein Advokaturbüro und vermitteln unter anderem gefälschte Gemälde, die als echt und echte, die als gefälscht gelten. Vielleicht eine subtile Form der Geldwäsche, wer weiß das schon. Auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, alle möglichen Leute erpressen zu können. Es ist durchaus möglich, dass sie die Erzengel des Großen Paten mit Bart sind. Auf jeden Fall gründen Sie für das Syndikat (oder ist es eine lose Vereinigung von wohltätigen Multimillionären?) die Swiss Society for Morality. Deren Ehrenkomitee gehören ein Altbundesrat, ein paar National- und Ständeräte, Bankiers, Persönlichkeiten der Gesellschaft und ein Theologieprofessor an. Die wissen zwar nicht, welchen Zweck der Verein haben soll, aber gegründet werden muss er, das ist klar.

Willkommen im Durcheinandertal

Jetzt kommt das abgelegene Durcheinandertal ins Spiel. Dort steht ein mondänes Kurhaus, das zum Zentrum von Moses Melkers Gnadentheologie wird und das er für die Mandanten von Raphael, Raphael und Raphael beziehungsweise für die Swiss Society for Morality im Sommer betreibt. Im Winter übernimmt ein gewisser Reichsgraf von Kücksen aus Liechtenstein die Leitung des Hauses. Dann können dort berühmte und berüchtigte Killer des Syndikats wie Marihuana-Joe, Big-Jimmy und Baby Hackmann untertauchen und sich bei Bedarf einer Gesichtsoperation unterziehen lassen.

Zentrum der Geschäftsidee ist jedoch die Theologie von Moses Melker, der, das nur nebenbei, aus Erbschaftsgründen seine erste Frau von einer Eiche gestürzt, seine zweite in den Nil geschubst und seine dritte mit einer Überdosis Truffes totgezuckert hat. Der routinierte Frauenmörder konstruiert für die Millionäre und Millionärswitwen der freien Welt erstmal ein gravierendes theologisches Dilemma. Schließlich habe Jesus behauptet, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher Einlass ins Reich Gottes finde. Die Lösung dieses calvinistischen Paradoxons fädelt der selbsternannte Gnadenprophet Moses Melker folgendermaßen ein:

„Wenn aber der Arme, der nichts besitze, das Himmelreich besitze, besitze der, der besitze, das Himmelreich nicht, er sei durch seinen Besitz mühselig statt selig, beladen mit seinem Besitz, denn jeder Besitz laste, ob er nun im Kapital oder in der Kultur bestehe.“

Es sei, fährt er vor dem Kurhaus in seiner großen Begrüßungsrede an die Millionärinnen und Millionäre fort, egal, woher ihr Reichtum stamme, Gold, Währungen, Schwarzgelder, Aktienpakete, Obligationen, Anleihen, Nummernkonten, Schuldscheine, aus reinen oder dunklen Quellen, aus unblutigen oder blutigen Geschäften, tugend- oder lasterhaften Schößen, legitimen oder illegitimen Schweifen, sie seien nicht verloren. Der Große Alte nehme sie auf. Und das geht so:

„Wenn auch schlechthin verworfen, seien sie schlechthin aufgenommen, durch die Gnade, denn sie sei das Unmögliche, das nur beim Großen Alten möglich sei, das ganz und gar Unverdiente, denn wäre die Gnade verdient, wäre sie nicht Gnade, sondern Lohn. Die Gnade sei das Nadelöhr, wohindurch nicht nur ein Kamel gehe, sondern alle gingen, die hier versammelt seien und unter dem Fluch des Reichtums stöhnten. Vor dem Großen Alten seien die Letzten die Ersten und die Armen reich, die Armen begnadet, die Reichen verflucht. Wer aber begnadet sei, benötige keine Gnade, weil die Gnade schon an ihm hafte, und so sei denn die Gnade ihnen, den Reichen, den Verfluchten, Satten vorbehalten, die Gnade, womit sie gekrönt würden als der allein gnadenbedürftige Abschaum der Menschheit.“ 

Showdown

Im Kurhaus gibt es deshalb keinen Komfort, keine Bedienung, keinen Service. Wie zu Zeiten Ludwig des Sechzehnten, als die Adeligen Schäfer und Bauer spielten, spielen die Reichen im Kurhaus nun Armut und zahlen dafür ein Vermögen. Gleichzeitig räumt das Fachpersonal vom Syndikat in aller Ruhe die verlassenen Villen und Anwesen der kurenden Gäste aus.

Für die Konjunktur im Durcheinandertal hat diese Modeerscheinung schwerwiegende Konsequenzen. So viel plötzliche Liebe zur Armut lässt die Geschäfte mit nachgemachten Bauernmöbeln, Kaffee und Kuchen, Taxis und Gaststätten einbrechen. Krise, wirtschaftlicher Abstieg und Ressentiments gehen Hand in Hand und es kommt, wie es kommen muss: An Weihnachten stürmen die Einheimischen das Kurhaus. Vielleicht ist es ein Aufstand, vielleicht ein Überfall, ein Pogrom gegen die Fremden oder eine Revolution, wer kann das schon ganz genau sagen. Das Kurhaus und die umliegenden Wälder gehen in Flammen auf, inklusive der Angestellten des Mafiakonzerns, der Dorfbewohner, Moses Melkers und dem Manuskript seines Buches „Preis der Gnade“. Nur Elsi, die Tochter des Gemeindepräsidenten und ihr Hund schauen zu, wie sich das ganze Durcheinandertal in Flammen auflöst. So könnte es also ausgehen, wenn keiner Schuld hat und alle doch irgendwie mitmachen. Die alte Dame lässt grüßen.

Friedrich Dürrenmatt, Durcheinandertal, Roman, 1989, Diogenes Verlag 

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