Poetikon

Kleine und große Fiktionen /

Wie wir über Zeit sprechen und denken, zeigt, dass wir tatsächlich in Metaphern leben. Wir behaupten zum Beispiel, dass die Zeit vergeht. Im Laufe der Zeit ist Zeit von einem Raum zu einer Substanz geworden. Eine Substanz, die mit der Zeit immer knapper zu werden scheint. Zeit ist kostbar, eine Ressource. Man kann sie finden, verlieren, rauben, verschwenden, ja sogar sparen. Und unter all den Substanzen, die wir uns dabei vorstellen, ist die Arbeitszeit eine ganz spezielle Substanz.

Metaphern sind kleine Fiktionen. Eine große Fiktion hingegen ist Geld. Die Finanzkrise hat gezeigt, was passiert, wenn der Glauben daran verloren geht. Genauso ist die Idee des Wirtschaftswachstums eine Fiktion. Der freie Markt, die unsichtbare Hand, der Trickle-Down-Effekt, die Überlegenheit des weißen Mannes, die unausweichliche Digitalisierung unserer Welt mit selbstfahrenden Autos und denkenden Häusern: Fiktionen, Erzählungen. Aber wo kommen sie her? Wer bringt sie in Umlauf? Können wir uns, wie Baron von Münchhausen sich an seinem eigenen Zopf aus einem Sumpf zog, aus diesen Fiktionen befreien? Das, könnte man sagen, ist keine Fiktion, sondern eine Redewendung. Eine Redewendung. Wie einfach das klingt.

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