Juri Andruchowytsch
Juri Andruchowytsch Foto: Susanne Schleyer

Über Bücher

Ein ukrainischer Trinkertraum

„Moscoviada“ von Juri Andruchowytsch ist ein einziger Albtraum. Es ist der zweite auf Deutsch erschienene Roman des Ukrainers. Geträumt wird dieser Alptraum im Moskau der Wendezeit von dem zukünftigen ukrainischen Nationaldichter Otto von F. Zukünftig, weil von F. vorerst als Stipendiat des Sowjet-Imperiums die Literaturkurse des Gorki-Instituts besucht und in dem daran angeschlossenen Wohnheim mit Kollegen aller befreundeten Republiken in möglichst hochdrehenden Alkoholika Inspirationen und Betäubung sucht.

Die Welt um F. nimmt groteske Züge an

So beginnt der letzte Moskauer Tag des Otto von F. in der Fonwisin-Bar mit einem kleinen Bierfrühstück. Schon bald weiß man nicht mehr, ob es am Bier, dem Schwarzgebrannten, am Fieber oder der Realität selbst liegt, dass sich die Welt um Otto von F. immer weiter verzerrt und groteske Züge annimmt. Eigentlich hat Otto von F. etwas Wichtiges vor: eine progressive ukrainische Zeitung herauszugeben und Geschenke für die Kinder seiner Freunde zu kaufen. Er verabschiedet sich in der Bar mit einer separatistischen Friedensrede, die von den eurasischen Trinkern orgiastisch gefeiert wird.

Als er von seiner Freundin und ein paar hundert Gramm Wodka, ein paar Erinnerungen und etwas SWG (Starkem Weinhaltigem Getränk) abgelenkt endlich im Menschenstrudel vor der „Kinderwelt“ ankommt, fällt ihm auch durch größte Konzentration nicht mehr ein, was er da eigentlich will. Er verirrt sich in den Katakomben des Kaufhauses und landet in einem Labyrinth tief unter dem Regierungszentrum, wo sich die alten Machthaber und ihre Helfershelfer zu einer Auferstehungswetscherinka zusammengefunden haben.

Sicheres Gespür für satirische Bilder

Andruchowytsch, der für seinen Roman „Zwölf Ringe“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/suff-eifersucht-und-geldgier.950.de.html?dram:article_id=132843 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde, konstruiert die einzelnen Stationen seines Helden mit einem sicheren Gespür für satirische Bilder und absurde Pointen. Die in den Untergang seines Helden eingebauten Reflexionen über die Situation im „fauligen Herzen des halbtoten Imperiums“ haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren.


Juri Andruchowytsch (1993): Moscoviada. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. 

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