Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns
Ansichten eines Clowns – über die Aktualität von Heinrich Bölls Literatur.

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Geschichten zur Senkung der Arbeitsmoral /

Wie konnte er das voraussehen? Diese Frage drängt sich bei einer Lektüre der über sechzig Jahre alten Satiren von Heinrich Böll auf. Um ihn herum tobte das Wirtschaftswunder: Fresswelle, Kleidungswelle, Einrichtungswelle, Reisewelle und die Autowelle rollten in kurzen Abständen über die deutsche Nachkriegsgesellschaft hinweg. Sie überspülten die Traumata und walzten mit dem Asphalt der neuen Straßen jegliche Bedenken platt. Der Blick war nach vorne gerichtet auf den Wiederaufbau. Leistung lohnte sich, mit der Arbeit kam der Konsum und mit dem Konsum das Vergessen. Nur Heinrich Böll dachte über die Grenzen dieses Wunders nach. Aber warum und welche Grenzen hatte er im Sinn?

Wenn Brot die einzige Währung ist

In der langen Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ (1955) überfallen die Hauptfigur angesichts einer viel versprechenden Zukunft grundsätzliche Zweifel. Das, was geschehen war und das, was sich anbahnt, passen für den vierundzwanzig Jahre alten Walter Fendrich nicht zusammen. Die Stimmung der Erzählung ist so düster wie die Rechnung, die der junge Mann aufmacht. Brot ist die einzige Währung, an die er glaubt. Für ihn haben Krieg und Hunger alle anderen Werte ausgelöscht. Geblieben ist ihm ein umfassendes Misstrauen und ein nur mühsam zu zähmender Hass. Jetzt hat er  die Möglichkeit, in ein florierendes Geschäft für Waschmaschinen ein- und in die bessere Gesellschaft aufzusteigen. Der Wunsch nach Reinheit ist groß. Doch Fendrich steigt aus. Durch eine radikale Entscheidung versucht er, etwas von seiner verlorenen Unschuld zurückzubekommen.

Die Kriegs- und Nachkriegserfahrungen liegen wie eine graue Decke über Bölls Frühwerk

1917 geboren nahm er von 1939 bis 1945 als Soldat und Dolmetscher am Krieg teil. Die Absurdität des Lebens und Sterbens, der seelischen und körperlichen Verstümmelungen aber auch der Wahnsinn von Kriegsverbrechen sind die Themen in Bölls ersten Geschichten. Sie dienen dazu, das Erlebte zur Sprache zu bringen und ihnen gegenüber eine Haltung zu artikulieren. Sie sind keiner literarischen Form oder Theorie verpflichtet. Die Darstellungsstrategien der modernen Short Story, sei es die Ice-Berg-Technik oder die Idee eines Slice of Life spielen für viele Autoren der „Trümmerliteratur“ erst mal keine besondere Rolle.

Ein Magier der Metapher

Doch schon 1950 in „Wanderer kommst du nach Spa …“ gelingt Böll eine kurze Erzählung, in der die Ursachen, Verantwortungen und Folgen des Krieges in einer einzigen Szene ganz unmittelbar aufflackern. Er verdichtet die fatale Allianz von humanistischer Bildung und NS-Ideologie, einer überhöhten klassischen Heroik und die Banalität des Krieges in einer Figur, einem Raum und einem symbolischen Satz. Böll, der ein Magier der Metapher ist, verzichtet in dieser Geschichte auf deren assoziative Wirkung und entwirft aus wenigen Elementen ein dramatisches aber gleichzeitig auch lakonisches Bild. In ihm konzentriert er sein Unbehagen an der Wiederaufnahme einer Bildungstradition und -politik, die nicht zu mündigen Staatsbürgern erzogen und vor der Übernahme durch eine totalitäre Weltanschauung versagt hatte.

In dieser Geschichte schwingt Bölls grundlegendes Misstrauen gegenüber einer Gesellschaft mit, die nach dem Verlust aller humanistischen Werte weitermacht, als sei nichts geschehen. Wie in „Geschäft ist Geschäft“ (1950) tauchen in seinen Geschichten und Romanen Figuren auf, die diese Entwicklung vom Rand beobachten und nicht an ihr teilhaben können.

„Und als wir nach Hause kamen, sind sie aus dem Krieg ausgestiegen wie aus einer Straßenbahn, die gerade dort etwas langsamer fuhr, wo sie wohnten, sie sind abgesprungen, ohne den Fahrpreis zu bezahlen. Sie haben eine kleine Kurve genommen, sind eingetreten, und siehe da: das Vertiko stand noch, es war nur ein bisschen Staub in der Bibliothek … Wir aber fuhren weiter und weiter, der Fahrpreis erhöhte sich automatisch, und wir hatten außerdem für großes und schweres Gepäck den Preis zu entrichten: für die bleierne Masse des Nichts, die wir mitzuschleppen hatten; und es kamen eine Menge Kontrolleure, denen wir achselzuckend unsere leeren Taschen zeigten. Runterschmeißen konnten sie uns ja nicht, die Bahn fuhr zu schnell.“

„Wir“, das sind die, die nicht am Krieg profitiert haben, die zweifeln und sich nicht in die Reihen derjenigen einfügen, die fleißig vergessen und vielleicht schon die Grundlage für eine neue Katastrophe legen. In Bölls Romanen sind das zum Beispiel Hans Schnier, die Hauptfigur von „Ansichten eines Clowns“ (1963), aber auch „Katharina Blum“ (1974), die durch das Zusammenspiel von Polizei und einer bekannten Boulevardzeitung zur Mörderin wird.

In Bölls Augen ist die schöne neue Nachkriegsordnung auf Sand gebaut

Die Ökonomie ersetzt nicht nur die Moral, sondern inszeniert sich auch noch als neutrale Vernunft. Wer „Es wird etwas geschehen“ (1955), eine von Bölls Parodien auf die sich formierende Leistungsgesellschaft liest, wird es schwer haben, darin nicht unsere Gegenwart zu erkennen: Erst- und Zweitjobs, Selbstoptimierung, Karriereplanung, Zeitersparnis, High-Performance, 7/24 und Effizienz. Nur die Digitalisierung fehlt noch. Auch die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ (1963) hat eine fast schon beängstigende Aktualität. Böll hat seine erzählerischen Mittel perfektioniert. Immer öfter baut er in seine Geschichten Reflexionen über das Erzählen ein und gibt damit Einblick in seine Poetik. Seine Anekdote ist auf zwei Personen und einen Dialog zugespitzt. Wie viele seiner Satiren wirkt sie beinah abstrakt. Gleichzeitig entsteht auf zweieinhalb Seiten eine farbige, virtuos skizzierte Situation.

„In einem Hafen an der westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in einem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick.“

Die neue Effektivität

Mit dem Wirtschaftswunder nahm das massenweise Fotografieren und Filmen von allem und jedem seinen Anfang. Auch den Vortrag, den der Tourist dem Fischer, der mit seiner Work-Life-Balance eigentlich rundum zufrieden ist, gleich halten wird, hören wir heute noch drei Mal täglich. Arbeiten, Leistung, effektiv sein, expandieren, Start-Up, neue Märkte erschließen. Das ist die Programmierung, die von den Universitäten in die Grundschulen sickert, sie ist Teil jeder Talk-Show, egal, ob von rechts, links oder der Mitte formuliert. Eltern vererben diese Grundsätze an ihre Kinder, alle Hollywoodfilme, jeder mittelmäßige Krimi jubelt sie mehr oder weniger versteckt seinen Rezipientinnen und Rezipienten unter. Die Steigerung des Bruttosozialprodukts ist längst ein Teil unserer DNA. Oder unserer Software.

Es dürfte nicht überraschen, dass Heinrich Böll in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen eher unbeliebt war. Hat er doch diese Programmierung permanent gestört. Geschichten zur Senkung der Arbeitsmoral, das konnte und durfte nicht sein. Denn schließlich ist Arbeitsmoral die „dem Arbeitsverhalten zugrunde liegende Motivation, die als Pflicht anerkannt, zum Gerichtetsein auf ein bestimmtes Ziel, zur Anspannung der Kräfte und damit zu einer Leistung führt“. Da hat keiner zu fragen, auf welches Ziel die Kräfte, die Motivation und die Pflichten eigentlich gerichtet sind. Vielleicht sitzen wir seit mehr als sechzig Jahren in einer zu schnell fahrenden Bahn. Geschäft ist Geschäft. Wir haben uns an das Tempo gewöhnt. Immer mal wieder steigen ein paar Leute bei voller Fahrt aus. Diejenigen, die zweifeln, könnten die Erzählungen von Heinrich Böll lesen. Sie führen einem vor Augen, in was für einer Bahn wir sitzen und was wir dadurch alles verlieren.

Heinrich Böll, Erzählungen, herausgegeben von Viktor Böll und Karl Heiner Busse. 1994, Kiepenheuer und Witsch

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