Poetikon

Ein Märchen?

Einer meiner Lieblingstexte aus Grimms Märchen ist Hans im Glück. Diese kleine Geschichte stellt den Verlauf einer erfolgreichen Märchenhandlung auf den Kopf. Das einzige phantastische Element ist der Klumpen Gold, den Hans ganz selbstverständlich von seinem Arbeitgeber nach sieben Jahren bekommt. Aus Zeit und Arbeit wird Gold, aus Gold ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und dann zwei Schleifsteine, also wieder Arbeit.

Es gibt bemerkenswerte Sätze in dieser Geschichte. „Herr, meine Zeit ist um … gebt mir meinen Lohn.“ Oder: „Da habe ich einen Klumpen heimzutragen: es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei nicht geradhalten.“ Als Hans die Schleifsteine in den Brunnen fallen, springt er vor Freude auf, kniet nieder und dankt „Gott mit Tränen in den Augen, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf eine so gute Art, und ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte, von den schweren Steinen befreit hätte.“ – „Mit leichtem Herzen und frei aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.“

Ein Schwank, eine Regressionsgeschichte? Hätte Hans das Gold nicht investieren sollen, um sich ein eigenes Leben aufzubauen? Was für eine seltsame Welt: Ein gerechter Arbeitgeber und ein zuverlässiger Arbeiter auf der einen Seite, auf seinem Weg in die Heimat dann nur Betrüger und Trickser. Wenn Hans in dieser Geschichte der Dummling ist, ist dann die Welt um ihn herum klug? Wäre klug, dann der, der sich auf seinen Vorteil gut versteht? Und was ist hier das Glück?

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