James Baldwin
ullsteinbild Roger Viollet/ Jean-Pierre Conderc

Über Bücher

Die Geschichten richtig zusammensetzen – über James Baldwin /

Der Dokumentarfilm „I am not Your Negro“ ist aus einem Buch entstanden, das es nicht gibt. In den achtziger Jahren begann der amerikanische Autor James Baldwin über seine Freunde und Weggefährten Medgar Evers, Malcom X und Martin Luther King zu schreiben. Die drei schwarzen Bürgerrechtler wurden in den sechziger Jahren ermordet. Als Baldwin 1987 starb hinterließ er ein kurzes Manuskript mit dem Titel „Remember this House“. Fast dreißig Jahre später hat der Drehbuchautor und Regisseur Raoul Peck aus Zitaten, Fernsehinterviews und Texten von James Baldwin einen poetischen Filmessay komponiert. 2017 kam „I am not your Negro“ in die Kinos und erschien gleichzeitig als Buch.

Im Vorwort zum Buch fasst Raoul Peck zusammen, was das Schreiben von James Baldwin für ihn ausmacht:

„Baldwin knew how to deconstruct stories and put them back in their fundamental right order and context.“

Baldwin, so die Nobelpreisträgerin Toni Morrison, gab den Afro-Amerikanern eine Sprache.

Vielleicht ist es aufschlussreich, diese Geschichte von Haiti aus anzuschauen, dem Land in dem Raoul Peck geboren wurde. Das koloniale Haiti war bis zu seiner Unabhängigkeit von Frankreich das reichste und produktivste Land der Karibik, heute gilt es als das ärmste der westlichen Hemisphäre. Daraus wurde eine Erzählung, mit der exemplarisch vorgeführt werden kann, dass Schwarze allein zu nichts in der Lage sind.

Wenn man es allerdings etwas genauer wissen möchte, hilft das Kapitel über die Sklavenhalter- und Kolonialgesellschaften in Thomas Pikettys „Kapital und Ideologie“ (2019). Ende des 18. Jahrhunderts besteht die Bevölkerung von Saint-Domingue zu über neunzig Prozent aus Sklaven, eine halbe Million Menschen. Die freien Schwarzen forderten 1790 gemäß den Idealen der französischen Revolution das allgemeine Wahlrecht. Als ihnen dies verwehrt wurde, brach 1791 der große Sklavenaufstand aus. Frankreich verlor die Kontrolle, drohte aber mit einer Invasion und erklärte sich erst 1825 bereit, die Unabhängigkeit Haitis anzuerkennen. Allerdings unter einer Bedingung: Die haitianische Regierung musste zusagen, die Sklavenbesitzer mit 150 Millionen Goldfrancs für den Verlust ihres Eigentums, also der Sklaven, zu entschädigen. Das waren zwei Prozent des französischen und das Dreifache des haitianischen Nationaleinkommens. Das Geld für den Schuldendienst konnte sich Haiti zu hohen Zinsen bei französischen Banken leihen. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts traten diese Banken die Restschuld an die USA ab, an die Haiti bis 1950 seine „Verbindlichkeiten“ tilgte.

Auch in anderen Ländern endete die Sklaverei nach diesem Muster: Die Zwangsarbeiter:innen mussten die Weißen dafür, dass sie sich befreiten, entschädigen, denn rechtlich gesehen waren sie deren Eigentum. So wurde es überall gehandhabt, wo Sklavenhandel und Sklavenhalterei abgeschafft wurden. Schwarze waren zwar frei, mussten aber oft noch Jahre umsonst für ihre ehemaligen „Besitzer“ arbeiten, um deren „Verluste“ auszugleichen.

Als Schriftsteller ist der 1924 in New York geborene James Baldwin an Geschichten interessiert. Und eine Quelle dafür ist das amerikanische Kino. Die schwarzen mit den Augen rollenden Komiker, in Nebenrollen auftretende Opfer und ein Uncle Tom, der sich weigert, Rache zu nehmen, waren für Baldwin keine Identifikationsfiguren. Sie spiegelten, sagt er rückblickend, den alltäglichen Rassismus und Terror, mit dem Effekt, dass den Unterjochten ihr Sinn für die Realität zerstört wurde.

„This means in the case of the American Negro, born in that glittering republic … and in the moment you are born, since you dont’t know any better, every stick and stone and every face is white, and since you have not seen a mirror, you suppose that you are too. It comes as a great shock arround the age of five, six, or seven to discover that Gary Cooper killing off the Indians when you were rooting for Gary Cooper, that the Indians were you.“

Raoul Pecks Film folgt Baldwins ästhetischen Erfahrungen und der sich daraus entwickelnden Dekonstruktion amerikanischer Erzählungen. Aus der Perspektive der Ureinwohner und Schwarzen sind die Mythen, die im Genre des Westerns gepflegt werden, nichts weiter als die Verherrlichung von Rassismus und Selbstjustiz. Weiße amerikanische Helden, so Baldwin, die wie John Wayne auf der Leinwand die meiste Zeit damit verbringen, Indianer zurechtzuweisen oder zu töten, hatten es nie nötig, erwachsen zu werden. Es scheint also kein Zufall zu sein, dass Donald Trump wirkt wie ein pubertierendes, historisch und persönlich zurückgebliebenes Kind.

Eine solche Regression ist den ersten schwarzen Kinohelden nicht möglich. Sie sind sofort verantwortungsvoll und vernünftig. In „The Defiant Ones“ von 1958 (dt. Flucht in Ketten), ist die Rolle von Sidney Portier so angelegt, dass die Geschichte dem weißen Publikum versichert, dass der schwarze Mann den weißen nicht hasst. Auch wenn dieser menschliche Fehler begangen haben sollte, hat er nichts getan, wofür er hassenswert wäre. 1967 endet „In the Heat of the Night“ (dt. In der Hitze der Nacht) ein Film über Rassismus bei der Polizei und Selbstjustiz bei der Bevölkerung für den schwarzen Detektiv Sidney Portier und den weißen Polizeichef Rod Steiger auf Augenhöhe, alles scheint plötzlich möglich zu sein. Nur die Realität hält mit dem Film nicht Schritt: Medgar Evers wurde 1963, Malcom X 1965 und Martin Luther King 1968 ermordet.

Raoul Pecks poetischer Film zeigt die Macht von Erzählungen und Bildern. Unterhaltung ist nie harmlos. James Baldwin beschreibt die USA als ein Land, das fett, glatt, sicher, glücklich und verantwortungslos ist, in dem viel über Demokratie gesprochen, aber Wohlstand gemeint wird, in dem die Wirtschaft den Menschen die Vorstellung von einem Lebensstil aufzwingt, der angeblich alternativlos ist. Und in dem man die Unterhaltungskultur schwer von Betäubungsmitteln unterscheiden kann. Die Produkte der Filmindustrie sind so gestaltet, dass sie nicht verstören, sondern beruhigen und so die Fähigkeit schwächen, mit der Welt umzugehen, wie sie ist und sich selbst zu sehen, wie man ist.

Aber Baldwin führt den Gedanken noch weiter. Nach ihm sind alle westlichen Nationen in der Lüge eines nur vorgegebenen Humanismus gefangen. Ihre Geschichte hat deshalb keine moralische Rechtfertigung und der Westen damit keine moralische Autorität.

Was James Baldwin daraus vor fast vierzig Jahren ableitet, klingt ernüchternd und aktuell: Der Wohlstand des Westens hat Millionen von Menschen das Leben gekostet. Und jetzt sind diejenigen, die am eindrucksvollsten von diesem Wohlstand profitieren, nicht länger fähig diesen Wohlstand zu ertragen. Sie können ihn weder verstehen noch ohne ihn leben. Sie können es sich nicht vorstellen oder wollen es sich nicht leisten zu wissen, welchen Preis ihre Opfer für diese Lebensweise gezahlt haben. Amerika wieder großartig zu machen, ist also nichts anderes als der Aufruf zu einer fatalen Verdrängung der Vergangenheit und der Gegenwart.

Peck schließt mit einem Gedanken von James Baldwin. Die Zukunft entscheidet sich daran, ob diejenigen, die den „Nigger“ erfunden haben, in der Lage sind, sich zu fragen, aus welchem Grund sie das taten.

Raoul Peck (2016): I am not Your Negro; Velvet Film.
James Baldwin (2017): I am not Your Negro; Compiled and Edited bei Raoul Peck, Penguin Books
James Baldwin (2020): Nach der Flut das Feuer, dtv 
James Baldwin (2022): Von einem Sohn dieses Landes, dtv

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