Poetikon

Mit Huxley im Straßenverkehr /

Haben Sie das auch schon beobachtet? Blinken ist aus der Mode gekommen ist. Sie nähern sich einer Kreuzung oder abknickenden Straße und am Fahrzeug, das Ihnen entgegenkommt, passiert nichts. Kein Blinken, nicht rechts, nicht links. Sie sind aus Erfahrung vorsichtig geworden, Sie ahnen, was gleich passiert. Natürlich gibt es auch den Blickkontakt. Das ist etwas für Menschen, die in so einer Situation mehr vor sich sehen als ein Auto.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, worauf diese Betrachtung hinausläuft und was das Blinken mit Aldous Huxley zu tun hat? In der Vorrede zu seinen Essays skizziert er ein dreipoliges Bezugssystems dieser literarischen Form: den Pol des Persönlich-Autobiografischen, den Pol des Objektiven, Tatsächlichen und Konkret-Besonderen sowie den Pol des Abstrakt-Universellen. „Die meisten Essayisten sind nur in der Nähe eines dieser drei essayistischen Pole wirklich zu Hause und in bester Form.“ Sie schauen die Welt durch das Schlüsselloch anekdotischer Beschreibungen an oder richten ihre Aufmerksamkeit nach außen auf ein bestimmtes Thema oder verrichten ihre Arbeit in einer Welt hochgradiger Abstraktion.

Das Blinken liegt wohl irgendwo zwischen dem Anekdotischen und dem Konkret-Besonderen. Und dann braucht ein Essay neben diesen Polen noch eine Pointe. Es muss ein Gedankensprung hinzukommen: „Der nicht gesetzte Blinker ist im schlimmsten Fall die Ursache für einen Unfall.“ Das ist eher ein sprachlicher Hüpfer. Das Spiel mit „Fall“ und „Unfall“, also einer Verneinung oder besser Umkehrung hat aber durchaus den Charakter einer Pointe.

Vielleicht lässt sich das Konkret-Besondere noch ins Allgemeine hochschrauben. In der spießigen Version würde der Text so beginnen: „Haben Sie auch schon beobachtet, dass heutzutage kaum noch jemand blinkt.“ Dann wird in größeren oder kleineren Schritten aus der Beobachtung ein allgemeiner Verfall der Sitten abgeleitet. Das Wort „heutzutage“ verrät eigentlich schon alles. Es suggeriert ein Früher, in dem wahrscheinlich alles besser war. Langeweile zu verbreiten, ist aber nicht die Absicht eines Essays.

Wie also kommen wir vom Blinken zu einer Schlussfolgerung, die halbwegs interessant ist? Vielleicht kann man daraus ein Bewegungsmuster der gegenwärtigen Gesellschaft ableiten. Das Nicht-Blinken wird zu einem Symptom. Zum Symptom einer Gesellschaft, das zwischen Nachlässigkeit und Rücksichtslosigkeit eine mangelnde Fähigkeit zur Kommunikation anzeigt, die auf eine unangenehme Ich-Bezogenheit hindeutet. Das „zu viel Ich, zu wenig Wir“ ist medial schon ziemlich weich gekaut und damit uninteressant. Wo bleibt da die Pointe? Meist liegt sie näher, als man denkt. Huxley nennt sie Kontrapunkt und führt unter anderem dieses Beispiel von Montaigne an: „Es sind nicht unsere Torheiten, die mich zum Lachen bringen, sondern unsere Weisheiten.“

Lassen wir also den naheliegenden Pessimismus links liegen und ziehen eine kontrapunktische Schlussfolgerung: Vielleicht drückt dieses Verhalten ja ein großes Vertrauen aus. Vielleicht verbirgt sich dahinter eine positive Entwicklung. Alle haben sich daran gewöhnt, auf  die Anderen zu achten. Diejenigen, die mit Kopfhörern schräg über die Straße laufen, die, die sich und ihr Smartphone auf einem Scooter durch den Verkehr balancieren, die Radfahrer, denen Regeln nicht so wichtig sind oder Autofahrer:innen, die selten blinken. Das ist doch schön. Soviel Aufmerksamkeit und Intuition! Wer hätte das gedacht?

Aldous Huxley (1994): Vorrede (aus: Collected Essays, 1959). In: Essays, Band 1. Herausgegeben von Werner von Koppenfels. München.

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