Poetikon

Kleine Fabel /

Herr B besucht gern kulturelle Veranstaltungen. Man erfährt viel, bekommt Anregungen und lernt, sich seines Verstandes selbständig zu bedienen. Heute stellt ein berühmter Schriftsteller sein neues Buch vor. Es ist schwül, der Saal voll bis an die Türen. Gar nicht so einfach, einen Platz zu finden. Immer wieder, wenn Herr B fragend auf einen unbesetzten Stuhl deutet, antwortet jemand: „Ich halte den Platz frei.“

Der Roman spielt in einem fernen Land und kreist um die Frage, wie es sein kann, dass die Gegner der Freiheit überall auf dem Vormarsch sind. Die vielen Menschen und die stickige Luft machen schläfrig. Zeitweise befürchtet Herr B, er könne ohnmächtig werden.

Am Ende ist es genauso schwer, aus dem Saal heraus- wie hineinzukommen. An den Türen drängen sich die Menschen. Vor dem Gebäude diskutiert eine Gruppe von Kulturinteressierten über die aufrüttelnde Veranstaltung und die schlechte Luft. „Ja“, hört Herr B im Weggehen einen der Herren im entschlossenen Ton sagen, „irgendwer hätte ein Fenster aufmachen sollen.“ 

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