Alltage

Die Rote Karte zeigen /

Versuche, Donald Trump zu verstehen, gibt es viele. Doch vielleicht geht es hier nicht um ein Individuum, sondern um ein kollektives Trauma, das in dieser absurden Figur eine Verkörperung gefunden hat.

Eine mögliche Erklärung liefert James Baldwin schon in den achtziger Jahren, wenn er die USA als ein Land zeichnet, das fett, glatt, sicher, glücklich und verantwortungslos ist. Ein Land, in dem viel über Demokratie gesprochen, aber Wohlstand gemeint wird. Ein Land, in dem die Wirtschaft den Menschen die Vorstellung von einem Lebensstil aufzwingt, der angeblich alternativlos ist. Kein Wunder, fährt er fort, dass in diesem Land die Unterhaltungskultur schwer von Betäubungsmitteln zu unterscheiden ist. Und: Alle westlichen Nationen seien in der Lüge eines nur vorgegebenen Humanismus gefangen. Ihre Geschichte hat deshalb keine moralische Rechtfertigung und der Westen damit keine moralische Autorität. Die Traumata, auf die Baldwin hier anspielt, sind der Kolonialismus, der Völkermord an der indigenen Bevölkerung Amerikas und natürlich die Sklaverei. Das hat nicht nur bei den Opfern, sondern auch bei den Tätern Spuren hinterlassen.

„Brutalität kennt keine Grenzen. Gier kennt keine Grenzen. Perversion kennt keine Grenzen … alle diese Eigenschaften führen zu dem Extrem, das sich immer weiter ausbreitet, sobald die Initialinfektion eingesetzt hat … dies ist die Krankheit des Verzehrs des Lebens und des Besitzes anderer Kreaturen“, skizziert die Professorin für indigene Nachhaltigkeit Melissa K. Nelson das westliche „Geschäftsmodell“. Und obwohl diese gewalttätige Geschichte und Lebensweise für alle sichtbar ist, baue diese Gesellschaft weiter Macht, Korruption und Zerstörung auf.

In den USA, fährt sie fort, habe der Völkermord an den Ureinwohnern und die permanente Umweltzerstörung einen kollektiven Kummer hinterlassen, eine Seelenwunde, ein Trauma, das nur geheilt werden könne, wenn es offen angesprochen und die Nachfahren derjenigen, die den Völkermord begangen haben, sich ihrer eigenen Scham und Schuld bewusst werden.

Als erfolgreiche Nutznießer von Kolonialisten und Rassisten stehen Trump und seine Gefolgsleute in genau dieser fatalen Tradition. Die Leugnung der Wunde und die Verdrängung der vererbten Schuld erzeugen aktuell ein Ausmaß an Wahnsinn und Zerstörung, das genau dem Horror entspricht, den sie verdrängen.

„Ich denke“, sagt Melissa K. Nelson, „es wird ein Zusammenbruch zum Durchbruch sein.“ Sie glaube nicht, dass es eine schrittweise Veränderung geben werde. „Unsere Version der Demokratie, wie wir sie zur Zeit in Amerika erleben, hängt am seidenen Faden, weil ihre Grundlagen fehlerhaft waren.“

Daraus ergeben sich auch für die Länder Fragen, die schon eine autoritäre Herrschaft haben oder darauf zusteuern: An welchem seidenen Faden hängt dort die Demokratie. Was wird verdrängt? Und: Wie geht es weiter?

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