Die Welt und die Wünsche /
Weltverstehen
Das Weltverständnis in industriellen Gesellschaften beruht auf der Vorstellung einer Teilung: hier die Natur, dort der Mensch. Ein passives Objekt auf der einen Seite, ein aktives Subjekt auf der anderen – zwei fundamental unterschiedliche Kategorien. Als hätten wir mit der Luft, die wir atmen, dem Wasser, das wir trinken, nichts zu tun. Dies führt zu einer „Weltbeziehung“, die sich in einer industriellen Wirtschaftsform als Expansion und Ausbeutung manifestiert. Der französische Soziologe Bruno Latour bezeichnet die damit verbundene Sichtweise als „Great Divide“.
Die „Weltbeziehungen“, die aus der großen Teilung hervorgehenden, sind historisch und kulturell variable Gesamtkonfigurationen, so der Soziologe Hartmut Rosa. Sie etablieren nicht nur ein bestimmtes Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, sondern sie bringen diese Subjekte und Objekte auch hervor. Bei dem zweideutigen Satz „Ich denke, also bin ich“, tritt damit die Bedeutung „so wie ich denke, bin ich“, in den Vordergrund.
Bedürfnisse und Wünsche
Marita Hacker, Älteste der Dakota Hunkpapa in New Mexiko, antwortet auf die Frage, wie es zu den gerade geballt auftretenden Krisen kommen konnte: Der Grund dafür sei eine wachsende Intoleranz gegenüber Unterschieden. Diese Haltung werde verschärft, weil „die Wünsche der Menschen ihre Bedürfnisse in den Schatten stellen“ und das führe zu einem Mangel an Zufriedenheit mit dem „was ist.“ Bedürfnisse sind überschaubar, Wünsche unendlich.
In seiner „Bedürfnispyramide“ stellt der Psychologe Abraham Maslow eine nachvollziehbare Hierarchie von Bedürfnissen auf. Die Basis bilden Grundbedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse und soziale Bedürfnisse, gefolgt von Anerkennung und Wertschätzung. An die Spitze seiner Pyramide setzt Maslow die Selbstverwirklichung. Ein realistisches und logisches Modell, zumindest in industriellen Gesellschaften.
Doch um welche „Verwirklichung“ von welchem Selbst geht es? Welche Gesamtkonfigurationen hatte Maslow dabei vor Augen? Welches Verhältnis zwischen Subjekten und Objekten macht diese Selbstverwirklichung der Subjekte überhaupt nötig? Wäre in der Spitze der Pyramide nicht auch ein „Wir“ denkbar, eine Verwirklichung, die nicht auf einer Teilung in das Ich und den Rest der Welt beruht?
Konsumgesellschaft 2.0
Momentan ergibt sich aus dem Zusammenspiel von digitaler Verhaltenssteuerung und einem singularisierten, also vereinzelten Publikum, ein neues Wirtschaftsmodell. In den Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts sind die meisten Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigt. Aus Kunden werden Verbraucher. Auf die vergeblichen Versuche in den 1980er Jahren, den Konsum durch private und öffentliche Verschuldung weiter anzutreiben, folgte die Strategie, alle denkbaren Produkte zu individualisieren. Konsum wird zum Erlebnis und zu einem Unterscheidungsmerkmal. Die Folge: Eine Ausweitung der Kampfzone zwischen den Subjekten. Der Aufbau dieser von Konkurrenz getriebenen Wunsch-, Erlebnis- und Unterscheidungswelten beruht auf einem massiven Ausbau von Marketing und Werbung. Mittlerweile ermöglicht es die Digitalisierung, individuelle Daten der Konsumenten, Verbraucher und User zu sammeln, sie durch Online-Marketing persönlich anzusprechen und so ihren Konsum zu steuern.
Krisen und Versprechen
Für eine Wallbox, mit der man ein Elektroauto laden kann, opfern viele Hausbesitzer ihren Vorgarten. Wo gestern Rosen blühten oder ein Apfelbaum stand, steht jetzt ein Auto. Auch ein Elektroauto ist ein Auto: ein auf Ausbeutung beruhendes Prestige- und Selbstverwirklichungs-Objekt, dem die Objekte Rose und Boden mit all ihren Bewohnern weichen müssen. Anders gesagt: Das sich selbst enthemmt verwirklichende Subjekt sägt an dem Ast, auf dem es sitzt. Die gesteuerten Verbraucher reagieren aggressiv und destruktiv auf jeden Hinweis, dass ihr Recht auf Wohlstand, nur ein buntes Versprechen, eine gezielte Manipulation, ja, ein Betrug ist, dem gar kein Bedürfnis entspricht.
Es ist schwer zuzugeben, dass man auf einen Betrüger hereingefallen ist: Enttäuschung, Selbstzweifel und Scham sind die Folge. Doch jenseits davon gibt es immer noch die Möglichkeit für ein anderes Verhältnis zu sich selbst, eine andere Gesamtkonfiguration, ein anderes Verständnis von Welt.

