Von Genies, Hochstaplern und Märchenfiguren oder: die Formel einer Geschichte /
Es gibt keine Zufälle. Diesen Satz haben Sie schon oft gehört. In Krimis äußert ihn die ermittelnde Kommissarin – mal energisch, mal lakonisch. Er passt aber auch in Zusammenhänge, bei denen es nicht um Leben und Tod geht. Wie bei allen derart kategorischen Sätzen, meldet sich schnell der Zweifel. Wenn die Aussage tatsächlich wahr wäre, hätte es noch nie einen Zufall gegeben. Das ist der Punkt, an dem man gern in eine philosophische Betrachtung ausweicht, hier zum Beispiel über das Wesen des Zufalls.
Ich lese gerade drei Bücher gleichzeitig. Zwei davon habe ich geschenkt bekommen, das dritte ist mir in einem Bücherregal (ungelesen) in die Finger gefallen: „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann. Die geschenkten sind: „Abschied“ von Sebastian Haffner und „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke. Beide mit einem Aufkleber: „Spiegel Bestseller Platz 1“ beziehungsweise „Spiegel Bestseller“. Dass diese Hinweise auf den geschenkten Büchern kleben, ist sicher kein Zufall. Aber der kommt auch noch auf einer anderen Ebene ins Spiel. Alle drei Romane handeln von Künstlern und Bohemiens. Wenn das kein Wink des Universums ist. Wahrscheinlich möchte eine epische Kraft, dass ich diese drei Bücher vergleiche.
Sebastian Haffners Roman „Abschied“ stammt aus dem Jahr 1932 und ist erst jetzt erschienen. Er beschreibt eine leichtlebige Gruppe in Paris, eine Boheme alle Anfang zwanzig. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zwischen Raimund, einem angehenden Juristen und Teddy, die nach Frankreich ausgewandert ist. Im Roman erzählt Raimund in einer jungen temporeichen Sprache, wie man sie von Irmgard Keun kennt, den letzten Tag vor seiner Abreise nach Deutschland. Ein wildes Streiten und Versöhnen mit kleinen Anspielungen auf die Katastrophe, die jenseits der Grenze vielleicht gerade ihren Anfang nimmt. Auch wenn der Roman auf dem ersten Platz einer einflussreichen Liste steht, ist er nicht besonders gut. Haffner wiederholt eigentlich nur sehr nett den schnellen Wechsel von Streit und Versöhnung zwischen allen möglichen Figuren.
In Moritz Rinkes Berlin-Worpswede-Roman ist es ähnlich. Der Autor ist nicht wie Sebastian Haffner vierundzwanzig Jahre alt, sondern dreiundvierzig: Die Literaturkritik findet für Rinkes Kunst-Erzählung schöne Formulierungen: Ein Roman „zwischen Heimatepos und Volkstheater, putzig lokalkoloriert, schwer symbolisch, doch leider ohne Tiefe“. Oder: eine „amüsante Klischee-Choreografie“, im Teufelsmoor der norddeutschen Künstlerkolonie grabe der Verfasser „eher breit als tief, mal in sanfter Anarchie, mal heiter-geschwätzig“. Der Roman und seine sympathische Hauptfigur mit dem sprechenden Namen Paul Wendland, so das Fazit, lassen einen kalt.
Warum ist das bei Daniel Kehlmann anders? Und das, obwohl er aus der Perspektive eines unsympathischen Kunstkritikers schreibt, mit dem man sich eher nicht identifizieren möchte. Sebastian Zöllner will, beziehungsweise muss, eine Biographie über einen berühmten, alten, fast schon vergessenen Maler schreiben. Es geht um Geld und Anerkennung. Dafür fährt er in die Berge, wo das Genie zurückgezogen lebt. Er glaubt etwas Sensationelles aus dem Alten herauskitzeln zu können. Zum Beispiel eine unglückliche Liebesgeschichte, die das ganze Werk und Leben prägt. Außerdem wäre es für ihn natürlich von Vorteil, wenn Kaminski genau zum Erscheinen des Buches sterben würde.
Kaminski ist erblindet, hat aber weiter gemalt. Man ahnt ganz leise, dass in dieser Geschichte über den Kunstbetrieb zwei Hochstapler-Geschichten kollidieren. Kehlmann lenkt die Handlung in eine Roadnovel, die über billige Hotels, angesagte Galerien bis ans Meer zu der ehemaligen Geliebten des Malers führt. Im Tonfall meist ironisch, immer auf der Kante zwischen Ernst und Parodie. Die Antipathie zum skrupellosen Ich-Erzähler nimmt kontinuierlich ab, weil er alles gibt und am Ende der Reise wahrscheinlich nicht das erreichen wird, was er plant.
Eine differenzierte Figurenzeichnung und das Spiel mit verschiedenen Genres machen den Roman mehr als unterhaltsam. Die egoistischen Hauptpersonen bewegen sich durch ein von Ehrgeiz und Geltungswillen verseuchtes Milieu. Die schlitzohrige Rückzugslegende des Malers ist der passenden Deckel für die kleine Heldenreise seines Möchtegern-Biographen. Viele Bewertungen durch professionelle Leser:innen weisen in diese Richtung: Das ist ein guter Roman!
Jetzt kann man flache Charaktere, Klischees, Spannungskurven, Identifikationsangebote und weitere Details als Unterschiede und Ursache eines Gefallens oder Missfallens herausarbeiten. Aber wäre es nicht schön, wenn es einen Punkt gäbe, in dem all diese Einzelteile zusammenfinden? So dass man sagen könnte, weil das so ist, gefällt mir das Werk. Oder deshalb halte ich es für gelungen. Und weil das in den anderen nicht so ist, gefallen mir diese nicht so gut.
Es gibt da eine Formel, die auf den ersten Blick wie ein Rätsel aus einem Fantasy-Epos wirkt:
fx (a) : fy (b) :: fx (b) : fa-1 (y)
Sie stammt von Elli Kongäs-Maranda und Pierre Maranda und bringt die Struktur einer Ereignisgeschichte auf den Punkt. Oder etwas genauer: das Wesen einer erzählerischen Pointe. Das sieht kompliziert aus, meint aber nur folgendes: „Eine Person (a) attackiert mit einem unlauteren Mittel Person (b), die sich zunächst korrekt verhält, dann aber selbst auf das unlautere Mittel zurückgreift und damit eine Auseinandersetzung auslöst, an deren Ende die Bestätigung der Gerechtigkeit steht, weil dem ursprünglichen Angreifer – Person (a) – auf diese Weise eine vernichtende Niederlage beigebracht wird.“ (zitiert nach Peter Wenzel (1989): Von der Struktur des Witzes zum Witz der Struktur, Heidelberg).
Interessant an der Formel ist, dass sie neben der Umstellung der handelnden Personen und deren Funktionen auch das damit verbundene Wertesystem thematisiert und den Erfolg oder das Scheitern der Figuren darauf bezieht. Auf der Handlungsebene gibt sie also nicht nur einen Positionswechsel wider, sondern auch einen Bedeutungswandel. Damit ist die Situation am Ende mehr als eine zyklische Rückkehr zum Ausgangspunkt mit anderen Vorzeichen. Die Formel modelliert eine eskalierte Umkehrung der Ausgangslage. In Kehlmanns Roman gibt es ein kleine Variationen dieses Modells. Er arbeitet mit mit zwei unlauteren Akteuren. Die werden sich am Ende nicht gegenseitig bekehren. Aber sie verändern sich – vielleicht.
In der Süddeutschen Zeitung vom 31. August 2026 berichtet Sebastian Herrmann von einer Untersuchung der Bar-Ilan-Universität. Damit lässt sich die Bedeutung dieser anthropologischen Formel in Erzählungen noch weiter in Richtung Gefallen und Missfallen vertiefen. In der Fachzeitschrift Social Psycological and Personality Science haben die Forscher:innen das Ergebnis einer empirischen Untersuchung veröffentlicht. Demnach verstärken bei Erzählungen „zeitliche, räumliche und auch soziale Distanz das Verständnis dafür, dass in ihnen eine tiefe, allgemeingültige Einsicht vermittelt wird.“
Wie passt das zu den drei Büchern? Haffner ist heute zeitlich und sozial weit entfernt. Schon deshalb könnte sein Roman die beschriebene Wirkung entfalten. Der von Rinke ist 2010 erschienen und der von Kehlmann 2003. Auch wenn Rinkes Roman in der Künstlerkolonie Worpswede spielt und die Hauptfigur versucht, Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus zu rekonstruieren, stellt sich nicht das Gefühl ein, hier werde eine tiefe, allgemeingültige Einsicht vermittelt. Auch wenn der Roman einen parodistischen Ansatz hat, wirkt er eher „als konkreter Fall bizarren Verhaltens“. Er verharrt in einer unentschlossenen Halbdistanz und erweckt so den Eindruck von Trivialität.
Auch Kehlmann parodiert, aber die Wirkung ist eine andere. Natürlich sind all diese Figuren erfunden. Der Autor erzeugt ein Gefühl, als würde man von weitem auf das Geschehen blicken, obwohl sich alles in der Ich-Figur und damit dicht vor unseren Augen abspielt. Alles was Sebastian Zöllner macht, wirkt auch ohne die Formel „es waren einmal ein Rabe und ein Fuchs“ etwas fabelhaft. Die erzählende Hauptfigur ist eine Mischung aus tapferem Schneiderlein und Pinocchio und sie entwickelt sich zu einem, der auszieht, das Fürchten zu verlernen. Durch den genialen Maler Kaminski bekommt die Geschichte eine phantastische Dimension und schwingt zwischen diesen beiden Spannungspolen hin und her: hier der hochstapelnde junge Mann, der versucht mit unlauteren Mitteln sein Glück zu machen, dort das alte, übermenschengroße, undurchschaubare Genie.
Natürlich soll hier nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht, wie die beiden Hauptfiguren ihre Positionen wechseln. Aber eins ist so wichtig, dass es erwähnt werden muss. Sebastian Zöllner verliert sein negatives Vorzeichen. Doch in der letzten Szene sät Daniel Kehlmann Zweifel. Vielleicht hat Zöllner dieses Minus nur in die Tasche gesteckt, um bei Bedarf wieder darauf zugreifen zu können. Das ist sicher kein Zufall.

