Wie die indische Literatur nach Deutschland kam /
In den letzten Jahren gab es nicht nur eine Zeitenwende nach der andern, auch die Blickrichtung ändert sich laufend. Aufgrund geopolitischer Schieflagen suchen deutsche Politiker und Unternehmer gerade nach neuen Geschäftspartnern. Da bietet sich Indien mit seinen Rohstoffen und 1,4 Milliarden Einwohner:innen für eine neue Freihandelszone an. Aber was ist Indien? Wie funktioniert dieses vielsprachige Land? Was passiert hinter seinen bunten und elenden Kulissen?
Einen Zugang zu dem geheimnisvollen Subkontinent, der nicht von ökonomischen Interessen bestimmt ist, bietet die Literatur. In dem spannenden Buch des Indologen und Verlegers Christian Weiß über die indische Literatur und seine Nachbarländer lernt man schnell, dass indische Literatur nicht gleich indische Literatur ist. Dort eine Handvoll weltbekannte auf Englisch schreibende Autorinnen und Autoren, die oft in den USA oder Großbritannien leben, hier die weniger bekannten Schriftsteller:innen, die ihre Werke für den südasiatischen Markt auf Hindi, Bangla, Tamil, Urdu verfassen, also einer der 22 offiziellen Sprachen Indiens.
Warum nur ein Teil der indischen Literatur erfolgreich ist
Während die indo-englische Literatur, zu der Salman Rushdie, Amitav Ghosh, Arundhati Roy, Hanif Kureishi gehören, hohe Auflagen erzielt, musste man Übersetzungen für den deutschsprachigen Buchmarkt aus indischen Sprachen lange mit der Lupe suchen. 1983, so Christian Weiß, erschien im Freiburger Wolfgang Mersch Verlag, der regionalsprachige südasiatische Literatur zum Schwerpunkt hatte, unter dem Titel „Der Ochsenkarren“ eine Anthologie mit Hindi-Lyrik aus den 70er und 80er Jahren.
Dass Indien 1986 Gastland der Frankfurter Buchmesse war, änderte wenig. Kleine, engagierte Verlage wie der Berliner Lotos Verlag – hier erschienen zum Beispiel sieben Bücher von Nimal Verma – brachten indische Autor:innen unter großem verlegerischem Risiko auf den deutschsprachigen Buchmarkt. Eine Ausnahme ist die Erfolgsgeschichte des Schweizer Unions Verlag für Literatur aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Hier erschienen in den 80er Jahren unter anderem die traditionell-realistischen Romane von Kamala Markendaya und Mulk Raj Anand.
Die Bestenliste des Weltempfängers
Zur Buchmesse 2006, fasst Christian Weiß die Entwicklung zusammen, waren zwar vor allem regionalsprachige Schriftsteller:innen präsent, die Aufmerksamkeit konzentrierte sich aber weiter auf die englischsprachigen Autor:innen. Eine Ausnahme ist eine Bestenliste, die seit 2008 unter dem Namen „Weltempfänger“ alle drei Monate sieben deutschsprachige Übersetzungen von afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Literatur empfiehlt: https://www.litprom.de/weltempfänger
Daran, dass Literatur aus Indien und den Nachbarländern vermehrt wahrgenommen wird, hat Christian Weiß einen wesentlichen Anteil. 2003 gründete er in Heidelberg den Draupadi Verlag, Schwerpunkt: Übersetzungen aus den indischen Regionalsprachen. In den 23 Jahren seines Bestehens sind gut zweihundert Bücher erschienen, die meisten davon Belletristik aus den indischen Regionalsprachen sowie Sachbücher aus und über Südasien. Darunter finden sich Autor:innen wie Nirmal Verma „Ausnahmezustand“, Uday Prakash „Doktor Wakankar“, Geetanjali Shree „Mai“, Thoppil Mohammed Meeran „Die Geschichte eines Dorfes am Meer“, Krishna Baldev „Tagebuch eines Dienstmädchens“ Aus Pakistan erschienen unter anderem von Omar Shahid Hamid „Der Gefangene“ und jüngst von Syed Kashif Raza „Vier Derwische und eine Schildkröte“.
Überblick über die wichtigsten Autor:innen der Gegenwart
In seinem Essay über „die Rezeption südasiatischer Literatur in deutschsprachigen Ländern von 1981-2025“ gibt Christian Weiß mit kurzen Inhaltangaben, Einordnungen und Bewertungen zudem einen kompetenten Überblick über die wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen und Autoren. Ein unschätzbarer Service für alle, die sich für indische Literatur interessieren oder neugierig darauf sind, den südasiatischen Kulturraum literarisch zu entdecken.
In den drei weiteren Beiträgen des Bandes schreibt Almuth Degener über das Übersetzen, Justyna Kurowska stellt den Roman „Ret Samadhi“ von Geetanjali Shree vor und Antje Linkenbach richtet den Blick auf die Literatur der Adivasi („Ureinwohner“).
Wie man beim Übersetzen den interkulturellen Abstand verringert
Die Indologin und Übersetzerin Almuth Degener geht der Frage nach, wie mit Sprache eine Brücke zwischen den Kulturen gebaut werden kann. Dafür gibt sie einen Einblick in die Praxis des Übersetzens aus dem Urdu und Hindi. Um den interkulturellen Abstand zwischen den Sprachen zu verringern, ist ein erheblicher Analyseaufwand nötig: Welche Bedeutung hat das Original, welche Anspielungen verstecken sich darin, wie werden die Leser:innen der Originalsprache diese verstehen? Und wie schafft man es, all diese Bedeutungen und Assoziationen mit dem übersetzten Text möglichst originalgetreu beim deutschsprachigen Publikum hervorzurufen?
Justyna Kurowska stellt den Roman „Ret Samadhi“ von Geetanjali Shree vor, der 2022 als erster in einer südindischen Regionalsprache verfasste Roman den International Booker Prize bekam. Von der „scharfsinnigen Beobachterin der sich verändernden menschlichen Lebensbedingungen und der sozialen Landschaft im heutigen Indien, das von religiösem und marktwirtschaftlichem Fundamentalismus, sozialer Fragmentierung und Patriarchat geprägt ist“, sind Erzählungen und Romane ins Deutsche übersetzt worden: „Weißer Hibiskus“, „Mai“ und „Grab aus Sand“.
Antje Linkenbach beschäftigt sich mit der Literatur der Adivasi („Ureinwohner“). Vor dem Hintergrund einer westlichen „auf Expansion ausgerichteten industriellen und extraktiven Wirtschaftsform“ befragt sie die Lyrik von drei Adivasi-Autor:innen nach deren Weltbeziehungen und ihrem Weltverständnis. Die tribalen Siedlungsräume der Adivasi sind rohstoffreich und die indigenen Einwohner somit von den Anfängen der Kolonialisierung bis in die Gegenwart mit ihrer „fragwürdigen Idee nationaler Entwicklung“ von Deterritorialisierung und Vertreibung bedroht. Diese „ökonomische und sozio-kulturelle Verwundbarkeit der Adivasi“ spiegelt sich in den Gedichten von Jacinta Kerketta, Anuj Lugun und Mahadev Toppo.
Auf seinen Stock gelehnt
am Rande des Dorfes
stand jener Sohn der Erde.
Ein Wirbelsturm des Fortschritts
kam da auf ihn zu.
Jacinta Kerketta
Christian Weiß (Hg.) (2026): Literatur aus Indien und den Nachbarländern. Heidelberg. Draupadi Verlag. https://www.litprom.de/weltempfänger

